Friedenserziehung in der Schule

Viele Lehrer klagen über die Aggressivität ihrer Schülerinnen und Schüler, so z. B. in einer Presseerklärung des VDR  Saarland (Verband der Lehrkräfte an weiterführenden Schulen) vom Dezember 2012:

 

Viele Jugendliche merken gar nicht, wie feindselig, beleidigend und anpöbelnd ihr täglicher Umgangston ist, wie provokativ und streitsüchtig sie aufeinander losgehen. Sie müssen dazu erzogen werden, sich ihres eigenen Aggressionspotentials bewusst zu werden und alternative Ausdrucks- und Handlungsweisen lernen, um Konflikte mit Geschwistern, Klassenkameraden, Eltern und Lehrern ohne Anwendung von verbaler und/oder körperlicher Gewalt zu lösen.“ (Realschule in Deutschland 1/ 2013, S. 24/ 25)

Die VDR – Vorsitzende Inge Röckelein plädiert dafür, dass Kinder „ Frieden halten erst einmal im unmittelbaren Umfeld lernen“, bevor sie Plakate für Frieden in Krisengebieten ferner Länder malten und zur Gewaltfreiheit dort aufriefen, denn „ Lippenbekenntnisse sind schnell abgegeben, eigenes Fehlverhalten zu erkennen und abzustellen hingegen, erfordert große Anstrengung“ (a. a. O.).

 

So weit – so richtig. Aber leider ist das nur die eine Hälfte der Wahrheit. Kinder spiegeln mit ihrem Verhalten die Welt der Erwachsenen wider. Hier sind ihre Vorbilder – und zwar nicht nur im Fernsehen, sondern sehr konkret auch zu Hause und in der Schule. Was die Kommunikation der Kinder betrifft, trifft – in etwas verdeckterer Form – auch für die Kommunikation der Erwachsenen (Eltern, Lehrer) zu. Sicherlich gibt es in den meisten Familien keine körperliche Gewalt mehr, und die verbale Aggressivität der Erwachsenen hat andere Formen als die der Kinder. Aber was oben über die Kinder gesagt wurde, trifft im Kern genau so auf die Erwachsenen zu.  Auch sie merken oft gar nicht, wie abwertend, kritisierend und beurteilend sie mit den Kindern sprechen und sind ebenso wenig in der Lage wie die Kinder, ihr eigenes Fehlverhalten zu erkennen und abzustellen.

Wer sich mit dem Phänomen „Gewalt“ tiefer auseinandersetzt, landet zwangsläufig letzten Endes bei der eigenen Person, dem eigenen Verhalten (siehe Zitat oben). Von dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, aber auch von anderen vor ihm wissen wir, dass die Erwachsenen die volle Verantwortung für die Qualität der Beziehung zu den Kindern tragen, eben weil sie die Erwachsenen sind und die Macht haben. Es liegt in der Verantwortung der Erwachsenen, dafür zu sorgen, dass die Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen  so gestaltet wird, dass sich jeder als „wertvoll“ für den anderen erleben kann. Die Schlüsselworte dafür heißen „Gleichwürdigkeit“ und „Wertschätzung“. Der deutsche Kinderschutzbund klärt Eltern dahingehend auf, dass „bedingungslose Liebe“ und „Vertrauen“ das ist, was Kinder für ein gutes Gedeihen brauchen und was sie stark macht für die Widrigkeiten des Lebens.

Die „Gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg lehrt uns, dass jede Kommunikationsform, die „Bewertung“, „Analyse“, „Beurteilung“, „Zuschreibung“, „Vergleich“, „Kritik“ enthält, eine Form von latenter „Gewalt“ ist, da sich der Sprecher anmaßt, zu wissen, was richtig und falsch, gut und schlecht ist. Statt den anderen zu definieren, geht es darum zu lernen, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse auszusprechen, um sich dem anderen verständlich zu machen.

Lehrer können durch die GfK sehen lernen, dass sie durch ihre Tätigkeit immer wieder Signale  von subtiler bis offener verbaler Gewalt aussenden. Ebenso geschieht das im häuslichen Bereich durch die Eltern.

Und da wundern wir uns über das Aggressionspotential der Kinder und Jugendlichen?

Nicht erst der deutsche Kinderschutzbund hat erkannt, dass das machtvollste Erziehungsinstrument das „Vorbild“ der Erwachsenen ist. Nicht, was wir sagen, predigen, anmahnen wirkt, sondern: wie wir sind! Wenn dieses Vorbild der Erwachsenen gepaart ist mit der Ausstrahlung einer warmen, annehmenden Atmosphäre, fühlen sich Kinder eingeladen, diesem Vorbild zu folgen – einfach so, ohne erzieherische Worte. Sie folgen, weil es ihnen – wie allen Menschen – gut tut, wenn ihnen Vertrauen entgegengebracht wird  und sie sich als wertvoll für andere erleben können.

 

Weiterführende Literatur:

Jesper Juul: Vom Gehorsam zur Verantwortung, Beltz – Verlag

Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation – eine Sprache des Lebens, Junfermann – Verlag

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2 Kommentare

    • karin Kümmerlein on 27. Juli 2013 at 10:48
    • Antworten

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    Kind regadrs Karin

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